Dr. Klaus-Uwe Gerhardt
Warum Grundsicherung nicht genügt – und wie Existenzsicherung neu gedacht werden muss


Arbeit, Moral und soziale Sicherung

Der Werkverbund aus vier Studien

Das analytische Vierer-Set aus Hartz plus, Ein Bürgergeld für alle?, Befreite Arbeit (i.E.) und Die Moral der Arbeit (i.E.) verbindet institutionelle, normative und moralische Analysen moderner Sozialstaatlichkeit.

Leitende Fragestellungen
Gemeinsam beantworten die vier Arbeiten eine leitende Frage: Warum bleibt erwerbszentrierte soziale Sicherung politisch stabil, obwohl ihre soziale Schutzwirkung empirisch erodiert – und warum setzen Reformen so selten an den Grundprinzipien dieses Systems an? Warum bleibt erwerbszentrierte soziale Sicherung politisch stabil, obwohl ihre soziale Schutzwirkung zunehmend erodiert? Und weshalb setzen Reformen so selten an den grundlegenden Prinzipien dieses Systems an? 

Die zentrale Annahme lautet, dass Erwerbsarbeit unter den Bedingungen von Produktivitätsgewinnen, wachsender Prekarisierung und ökologischen Grenzen ihre Funktion als verlässliche Basis sozialer Sicherheit verliert. Gleichzeitig bleibt das normative Orientierungssystem der Arbeitsgesellschaft bestehen und prägt nach wie vor politische Erwartungen, soziale Rechte und institutionelle Reformoptionen. Genau diese Diskrepanz zwischen abnehmender sozialer Wirksamkeit und fortdauernder normativer Bindekraft erklärt, warum sozialstaatliche Modernisierung häufig an der Oberfläche ansetzt, statt die strukturellen Grundannahmen der Erwerbszentrierung zu hinterfragen. 

Ausgangspunkt: Die Spannung moderner Sozialstaatlichkeit
Der Werkverbund untersucht diese Grundspannung auf drei Analyseebenen:

  • Institutionelle Ebene (Hartz plus | Ein Bürgergeld für alle?): Funktionsweise, Steuerungslogiken und Pfadabhängigkeiten sozialer Sicherung; Übergangsarchitekturen zwischen Arbeitsmarkt, Grundsicherung und Mindestsicherung.
  • Normative Ebene (Befreite Arbeit): Legitimation erwerbszentrierter Ordnungsvorstellungen, politische Narrative und normative Stabilisierung moderner Sicherungssysteme.
  • Moralisch-genealogische Ebene (Die Moral der Arbeit): Historische Tiefenstrukturen von Arbeit, Würde und Teilhabe; Kontinuitäten moralischer Mitgliedschaftsordnungen von der Frühen Neuzeit bis in digitale Öffentlichkeiten.

Hartz plus
Institutionelle Krisendiagnose und Übergangsarchitektur

Hartz plus analysiert die Arbeitsmarkt‑ und Sozialreformen nicht als Anreiz- oder Aktivierungsproblem, sondern als institutionelles Krisenregime einer entkoppelten Arbeits‑ und Einkommensordnung.
Zentrale Befunde:

  • Arbeitslosigkeit ist kein temporäres Marktversagen, sondern strukturell reproduziert.
  • Hohe Übergangsfrequenzen signalisieren nicht „Flexibilität“, sondern institutionell erzeugte Unsicherheit.
  • Aktivierungspolitik beschleunigt Abläufe, löst aber keine strukturelle Prekarität.

Konzeptioneller Beitrag:
Eine Übergangsarchitektur zwischen erwerbszentrierter Grundsicherung und garantierter Existenzsicherung: Negative Einkommensteuer, Lohnsubventionen und Mindesteinkommen werden funktional zusammengedacht – realpolitisch anschlussfähig, nicht utopisch.

Bürgergeld für alle?
Historische und gegenwartsbezogene Synthese

Ein Bürgergeld für alle? bündelt die institutionellen, normativen und moralischen Befunde der analytischen Studien und überträgt sie historisch informiert auf aktuelle Reformdebatten der sozialen Sicherung.
Das Buch ordnet zentrale Streitfragen – Arbeitsanreize, Anspruchsarchitektur, Erwerbsarmut und Finanzierbarkeit – empirisch und historisch ein und zeigt, warum erwerbszentrierte Grundsicherungssysteme unter veränderten Arbeitsmarkt- und Produktivitätsbedingungen an strukturelle Grenzen stoßen. Das Bürgergeld wird dabei nicht als moralisches Leitbild, sondern als institutionelle Option diskutiert.

Befreite Arbeit
Legitimationsordnung, Mythen und institutionelle Alternativen

Befreite Arbeit verschiebt den Fokus von Instrumenten auf Deutungsmuster.
Kernthesen:

  • Erwerbsarbeit wird als normatives Leitprinzip rekonstruiert, das soziale Rechte, Anerkennung und Zugehörigkeit ordnet.
  • Arbeitsmarktpolitische Mythen (Arbeitsanreize, Vollbeschäftigung, Fördern und Fordern) wirken als stabilisierende Narrative, nicht als Fehler.
  • Der Begriff „befreite Arbeit“ bezeichnet keinen Abschied von Arbeit, sondern die Entkopplung sozialer Rechte von Erwerbspflichten.

Das garantierte Mindesteinkommen erscheint als institutionell realistischer Bezugspunkt für Alternativen jenseits der Erwerbszentrierung.

Die Moral der Arbeit
Moralische Mitgliedschaft und Entmoralisierung sozialer Rechte
Die Moral der Arbeit bildet den genealogischen Kern des Werk‑Ensembles.
Wesentliche Beiträge:

  • Erwerbsarbeit fungiert seit der Frühen Neuzeit als moralische Mitgliedschaftsordnung („würdige“ vs. „unwürdige“ Arme).
  • Moral wirkt in Anspruchsarchitekturen, Sanktionen und Verwaltungspraktiken, nicht nur in Diskursen.
  • Digitale Öffentlichkeiten erzeugen neue Moralisierungsdynamiken, die Armut affektiv aufladen und politisch verstetigen.

Das garantierte Mindesteinkommen wird als Entmoralisierungsstrategie diskutiert – als Grundlage eines voraussetzungslosen Bürgerrechts.

Zusammengeführt
Der Werkverbund zeigt: Die Krise der Arbeitsgesellschaft ist weder eine Motivations- noch eine reine Verteilungsfrage. Sie ist Ausdruck einer institutionellen und moralischen Ordnung, die soziale Sicherheit weiterhin an Erwerbsarbeit bindet, obwohl deren Integrationsleistung empirisch erodiert.
Wer soziale Sicherung zukunftsfähig gestalten will, muss daher nicht nur Leistungen anpassen, sondern die Kopplung von Arbeit, Moral und sozialen Rechten grundlegend neu denken.

Orientierung

  • Zentrale Forschungsergebnisse bündeln die analytischen Befunde quer zu allen Arbeiten.
  • Das analytische Quartett entfaltet deren institutionelle, normative und genealogische Tiefenstruktur.

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