Analytische Position
Diese Website versteht sich nicht als aktivistisches oder programmatisches Projekt, sondern als analytischer Beitrag zur Untersuchung sozialstaatlicher Sicherungssysteme unter veränderten ökonomischen, sozialen und ökologischen Bedingungen. Im Zentrum steht die Frage, wie soziale Sicherung institutionell organisiert ist – und welche Wirkungen daraus entstehen.
Ausgangspunkt ist die empirisch gut belegte Beobachtung, dass sich Erwerbsarbeit und existenzsicherndes Einkommen in modernen Arbeitsgesellschaften zunehmend entkoppeln. Erwerbsarbeit schützt immer häufiger nicht vor Armut oder sozialer Unsicherheit. Diese Entwicklung ist kein temporäres Marktversagen, sondern Ausdruck struktureller Veränderungen wie technologischem Wandel, Prekarisierung von Beschäftigung, demografischen Verschiebungen und ökologischen Begrenzungen.
→ https://www.oecd.org/social/income-distribution-database.htm → https://www.iab.de/
Institutionen statt individueller Moral
Nähme man ernst, dass soziale Sicherung vor allem an individueller Arbeitsbereitschaft scheitert, müssten strengere Prüfungen und Sanktionen zu mehr Teilhabe, stabileren Erwerbsverläufen und höherer Akzeptanz führen. Die empirischen Befunde zeigen das Gegenteil: Stigmatisierung, Nichtinanspruchnahme und prekäre Übergänge nehmen gerade dort zu, wo Anspruchsrechte eng konditioniert sind. Der Ansatz kehrt diese Logik um. Nicht individuelle Moral, sondern institutionelle Anspruchsarchitekturen stehen im Zentrum. Soziale Sicherung erscheint als gesellschaftliche Infrastruktur, deren rechtliche und administrative Ausgestaltung systematische Wirkungen erzeugt – mit absehbaren Governance-Effekten statt individuellen Fehlentscheidungen.
→ https://www.bmas.de/DE/Service/Publikationen/Sozialberichte/sozialberichte.html
→ https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Arbeitsmarkt/_inhalt.html
Trennung von Analyse, Bewertung und Optionen
Methodisch wird strikt zwischen drei Ebenen unterschieden:
- Analyse: empirische und institutionelle Beschreibung bestehender Sicherungssysteme (Rechtsansprüche, Prüfverfahren, Transferentzugsraten, Übergangslogiken);
- Bewertung: normativ begründete Einordnung der beobachteten Wirkungen im Hinblick auf Teilhabe, Sicherheit und Gleichbehandlung;
- Optionen: vergleichende Betrachtung möglicher Reformpfade und Alternativen.
Diese Trennung dient nicht der Ausblendung normativer Fragen, sondern ihrer Transparenz. Normative Annahmen werden kenntlich gemacht, analytische Befunde jedoch nicht vorschnell in politische Forderungen übersetzt. Damit folgt der Ansatz etablierten Standards der Politik- und Institutionenanalyse.
Das garantierte Mindesteinkommen als analytische Referenz
Das garantierte Mindesteinkommen fungiert hier nicht als politisches Reformversprechen oder utopisches Ziel, sondern als analytische Referenz. Es erlaubt, bestehende Sicherungssysteme vergleichend zu prüfen und strukturelle Fragen sichtbar zu machen:
- Welche Effekte hat die Entkopplung von Existenzsicherung und Erwerbsanforderungen?
- Wie verändern sich Rechtssicherheit, Verwaltungsaufwand und Nichtinanspruchnahme?
- Welche Steuerungsprobleme entstehen durch hohe Transferentzugsraten?
Die Analyse beschränkt sich dabei nicht auf ein einzelnes Modell, sondern vergleicht unterschiedliche Varianten garantierter Mindesteinkommen, steuerbasierter Transfermodelle und Übergangsarchitekturen. Ziel ist nicht die Festlegung auf ein bestimmtes Design, sondern die Identifikation institutioneller Stärken, Schwächen und Zielkonflikte.
Empirische Evidenz zu Wirkungen eines Grundeinkommens liefern u. a. das vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung begleitete Pilotprojekt Grundeinkommen.
→ https://www.diw.de/de/diw_01.c.796681.de/projekte/pilotprojekt_grundeinkommen.htm
In internationalen Debatten und Modellrechnungen werden diskutiert:
→ https://julkaisut.valtioneuvosto.fi/items/803c5672-192c-4f1c-966f-a44a85a6723
→ https://employment-social-affairs.ec.europa.eu/policies-and-activities/social-protection-social-inclusion/minimum-income_en
Abgrenzung zu normativen Leitbildern
Der hier verfolgte Ansatz unterscheidet sich sowohl von normativen Grundeinkommenskonzepten als auch von aktivierenden arbeitsmarktpolitischen Leitbildern. Er zielt weder auf die Überwindung von Erwerbsarbeit noch auf deren moralische Überhöhung. Erwerbsarbeit wird analytisch ernst genommen – aber nicht als alleinige Grundlage sozialer Zugehörigkeit.
Ebenso wird soziale Sicherung nicht primär als Anreiz- oder Sanktionsinstrument interpretiert. Empirische Befunde zeigen, dass aktivierende Regime zwar kurzfristige Verhaltensanpassungen erzeugen können, zugleich aber Unsicherheit, Stigmatisierung und institutionelle Ineffizienzen verstärken.
→ https://www.iab.de/de/publikationen/kurzberichte.aspx
Ziel der Analyse
Um einfache Lösungen geht es hier nicht. Im Zentrum stehen Analysen und Befunde zu strukturellen Steuerungsdefiziten sozialer Sicherungssysteme – mit Blick auf Unsicherheiten, Zielkonflikte und normative Entscheidungen. Die Website versteht sich als Beitrag zu einer sachlichen, empirisch fundierten und institutionell informierten Debatte über die Zukunft sozialer Sicherung, jenseits von Moralisierung, Vereinfachung und technokratischer Verkürzung. → Analysen & Befunde